Freitag, 23. März 2012

Darf man um Aufmerksamkeit BITTEN ?

Das Gehirn, dass weiß man inzwischen, entwickelt sich ständig fort. Insbesondere in der Behandlung von Schlaganfall-Patienten hat man in den letzten Jahren die Therapie aufgrund verschiedener Erkenntnisse der Neurowissensschaften weiterentwickeln können. Hierzu gehören beispielsweise Erkenntnisse zu Spiegelneuronen und die Regenerationsfähigkeit der Nervenzellen bzw. Nervenverbindungen. Auch die Intelligenz scheint nur zu einem gewissen Teil  in Form einer Basisausstattung vorhanden zu sein und sich je nach Einflüssen von außen zu entwickeln. Dazu sind Reize notwendig. Eine Entwicklung ohne Reize und deren Übermittlung an das Gehirn – also der Aufmerksamkeit – ist nicht möglich. Der Begriff „Aufmerksamkeit“ könnte auch mit Konzentration gleichgesetzt werden. Doch Konzentration allein beschreibt nicht alle Aspekte der Aufmerksamkeit.
Die Aufnahme, das Registrieren der Reize, erfolgt über unsere Sinnesorgane. In manchen Situationen müssen wir feststellen, dass die Aufnahmekapazität unserer Sinnesorgane sehr vielfältig ist. Dann, wenn wir trotz aller Bemühungen und intensiver Konzentration auf eine Sache (einen Text oder einen Vorgang) feststellen müssen, dass wir (plötzlich) von anderen Dingen abgelenkt werden. Je nachdem wie sehr wir uns für das, was wir gerade tun, begeistern, interessieren oder wie wichtig es für uns ist, lassen wir uns mal mehr mal weniger stark ablenken. Töne, Bilder – die Facetten der Ablenkung sind enorm. Hinzu kommen die „Tagesform“ und die Frage ob wir ausgeschlafen sind oder nicht. Je nach Anlass oder Rahmenbedingungen gelingt es uns mehr oder weniger gut Informationen dauerhaft in unserem Gehirn zu speichern.
Die Aufmerksamkeit scheint einem Muster zu unterliegen, das häufig nicht mit dem von uns gewollten übereinstimmt. Welche Vorgänge, was genau in unserem Gehirn ist dafür verantwortlich?
Unser Gehirn nimmt, von uns kaum beeinflussbar, eine Bewertung vor, welche Informationen/Reize relevant sind und welche nicht, welche sofort verarbeitet werden und welche zunächst „zwischengelagert“ werden. Das „Überleben“ und „Ernähren“ stehen dabei ganz oben in der internen Prioritätenliste. Bis heute reagiert unser Gehirn beispielsweise vollkommen autonom auf Bedrohungen mit dem Auslösen einer Stresskaskade, die evolutionsgeschichtlich Flucht oder Bereitschaft zum Kampf zum Ziel hat. Was wir bewusst als Bedrohung empfinden, kann von dem was unser Gehirn als Bedrohung deklariert abweichen.
Ein Beispiel aus der Wissenschaft
Unser Gehirn besitzt die einzigartige Fähigkeit, komplexe Bilder in einer hohen Geschwindigkeit zu verarbeiten – im Gegensatz zum Computer. Für die optische Wahrnehmung (Reizaufnahme) reichen dem Gehirn wenige Millisekunden aus, ein Bereich den wir bewusst nicht wahrnehmen. Getestet wurde dies in einer Versuchsanordnung, in der Probanden Bilder mit ärgerlichen Gesichtern gezeigt wurden, die eine Aktivierung der für Emotionen zuständigen Gehirnregion (der Amygdala) bewirkten. Dieser Effekt trat auch dann auf, wenn diese negativen Gesichter in andere Bilder mit freundlichen Gesichtern eingebaut wurden, jedoch bewusst nicht wahrnehmbar waren sondern nur für Millisekunden erschienen. Die Amygdala ist eine Gehirnregion, die für das Auslösen des „Angstkomplexes“ wesentlich verantwortlich ist.
Reize wirken auf unser Gehirn und lösen dort Reaktionen aus, ohne dass wir manchmal sowohl die Reize als auch die Reaktionen darauf wahrnehmen.

Diese Erkenntnis erklärt nicht nur das Phänomen „Prüfungsangst“, sondern erklärt auch Vorgänge oder Verhalten von Mitarbeitern innerhalb der Arbeitswelt. Dieser Vorgang beeinflusst die Intensität und Kontinuität, mit der wir zugewiesene Aufgaben erledigen. Für den Bereich „Kreativität und Innovation“ ist diese Erkenntnis der Schlüssel, um entsprechend positive Rahmenbedingungen zu schaffen. Sie erklärt aber auch, warum so mancher Lehrstoff nur sehr mühsam gespeichert wird und die Abrufbarkeit auf einen kurzen Zeitraum beschränkt bleibt. Wenn wir uns demnach mit Dingen beschäftigen, mit denen sich unser Gehirn bereits beschäftigt hat (Interesse) ist die Aufmerksamkeit (Konzentration) ungleich höher. Aber auch hier gilt, gelangt, während wir uns mit solchen Dingen beschäftigen, ein Reiz zu unserem Gehirn (optisch, akustisch usw.) den dieses von der Relevanz oder Dringlichkeit her höher einstuft, wird auch dann die Aufmerksamkeit „abgelenkt“ – wenn auch nur für kurze Zeit. Klar, werden sie denken, es ist das Lustprinzip das hier angesprochen wird – das ist doch schon bekannt. Aber beherzigen Sie diese Erkenntnis konsequent bei der Auswahl von Projekt- oder Teammitgliedern, bei der Delegation von Aufgaben, bei Zielvereinbarungsgesprächen?
Kann man bewusst den einen oder anderen „(Reiz) Kanal“ abschalten, kann man das Bedrohungspotenzial bewusst herabsetzen, die Aufmerksamkeit beeinflussen?
Unser Interesse und unsere Motivation gehören zu den Faktoren, die Aufmerksamkeit regulieren. Ein Beispiel hierfür kennt jeder, der einmal ein Auto kaufen wollte. Hat man ein bestimmtes Modell erst einmal in die engere Auswahl gezogen, entdeckt man selbiges im Straßenverkehr überproportional häufiger als davor - wir sind interessiert! Unsere Motivation hingegen ist zusätzlich von äußeren Faktoren abhängig, kann sich recht schnell ändern und das selbst bei Sachverhalten, die unser ureigenstes Interesse betreffen, wie im folgenden Beispiel. Wie viele Menschen stellen im Frühjahr fest, dass tatsächliche Figur und Wunschfigur stark voneinander differieren. Eine Diät ist die logische Konsequenz, aber wie konsequent ist die Mehrheit bei der Umsetzung? Es existieren demnach noch weitere Faktoren die unsere Motivation beeinflussen, eine weitere Prioritätenliste, die ebenfalls unsere Aufmerksamkeit beeinflusst. Eine solche Prioritätenliste wird zum Beispiel von der Situation in der wir uns gerade befinden beeinflusst. Vom Zuspruch, positiver oder negativer Rückmeldung, vom Aspekt der Neugierde - handelt es sich um etwas Neues, ist die zu lösende Aufgabe eine Herausforderung für mich. Viele Unternehmen versuchen die Motivation dauerhaft über Zielvereinbarung in Verbindung mit Incentives zu steigern, eine Maßnahme die unter diesem Aspekt fragwürdig erscheint.
Die Aufmerksamkeit im Alltag

Im heutigen Arbeitsalltag lässt sich die Aufmerksamkeit teilweise recht effektiv beeinflussen. So ist es beispielsweise nicht unerheblich zu welchem Zeitpunkt wir uns mit komplexen Aufgabenstellungen befassen. Es ist ganz und gar nicht unerheblich mit wie vielen Aufgaben wir gleichzeitigt konfrontiert werden. Für die Informationsaufnahme und -verarbeitung ist entscheidend, wie viele Informationen auf das Gehirn auf einmal zuströmen. Es ist nicht unerheblich, ob ständig irgendwelche kreativen Töne eine neue Mail melden, der Eingang eines Newsletters vermeldet wird oder eine private SMS mit einer Fanfare angezeigt wird. Es ist für das Denken hilfreich, wenn nicht ständig das Telefon klingelt, jemand eine Frage hat oder ein Fernseher nebenbei läuft. Es ist für ein Meeting hilfreich wenn relevante Informationen vorab an die Teilnehmer gegangen sind und diese in Ruhe Zeit hatten sich darauf vorzubereiten. Unser Gehirn ist in der Lage derart komplexe Aufgaben zu lösen, wie es  kein Computer kann und daraufhin Entscheidungen zu treffen, die mehr Faktoren berücksichtigen als wir spontan in der Lage sind aufzuzählen. Wie genau diese Vorgänge ablaufen kann auch die Neurowissenschaft noch nicht beantworten. Was es aber dazu braucht ist ein bestimmtes Maß an Aufmerksamkeit und damit meinen wir nicht allein Konzentration!

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