Das Gehirn, dass weiß man inzwischen, entwickelt sich
ständig fort. Insbesondere in der Behandlung von Schlaganfall-Patienten hat man
in den letzten Jahren die Therapie aufgrund verschiedener Erkenntnisse der
Neurowissensschaften weiterentwickeln können. Hierzu gehören beispielsweise
Erkenntnisse zu Spiegelneuronen und die Regenerationsfähigkeit der Nervenzellen
bzw. Nervenverbindungen. Auch die Intelligenz scheint nur zu einem gewissen
Teil in Form einer Basisausstattung
vorhanden zu sein und sich je nach Einflüssen von außen zu entwickeln. Dazu
sind Reize notwendig. Eine Entwicklung ohne Reize und deren Übermittlung an das
Gehirn – also der Aufmerksamkeit – ist nicht möglich. Der Begriff „Aufmerksamkeit“
könnte auch mit Konzentration gleichgesetzt werden. Doch Konzentration allein
beschreibt nicht alle Aspekte der Aufmerksamkeit.
Die Aufnahme, das Registrieren der Reize, erfolgt über
unsere Sinnesorgane. In manchen Situationen müssen wir feststellen, dass die
Aufnahmekapazität unserer Sinnesorgane sehr vielfältig ist. Dann, wenn wir trotz
aller Bemühungen und intensiver Konzentration auf eine Sache (einen Text oder
einen Vorgang) feststellen müssen, dass wir (plötzlich) von anderen Dingen
abgelenkt werden. Je nachdem wie sehr wir uns für das, was wir gerade tun,
begeistern, interessieren oder wie wichtig es für uns ist, lassen wir uns mal
mehr mal weniger stark ablenken. Töne, Bilder – die Facetten der Ablenkung sind
enorm. Hinzu kommen die „Tagesform“ und die Frage ob wir ausgeschlafen sind
oder nicht. Je nach Anlass oder Rahmenbedingungen gelingt es uns mehr oder
weniger gut Informationen dauerhaft in unserem Gehirn zu speichern.
Die Aufmerksamkeit scheint einem Muster zu unterliegen, das
häufig nicht mit dem von uns gewollten übereinstimmt. Welche Vorgänge, was genau
in unserem Gehirn ist dafür verantwortlich?
Unser Gehirn nimmt, von uns kaum beeinflussbar, eine
Bewertung vor, welche Informationen/Reize relevant sind und welche nicht,
welche sofort verarbeitet werden und welche zunächst „zwischengelagert“ werden.
Das „Überleben“ und „Ernähren“ stehen dabei ganz oben in der internen
Prioritätenliste. Bis heute reagiert unser Gehirn beispielsweise vollkommen
autonom auf Bedrohungen mit dem Auslösen einer Stresskaskade, die evolutionsgeschichtlich
Flucht oder Bereitschaft zum Kampf zum Ziel hat. Was wir bewusst als Bedrohung
empfinden, kann von dem was unser Gehirn als Bedrohung deklariert abweichen.
Ein Beispiel aus der Wissenschaft
Unser Gehirn besitzt die einzigartige Fähigkeit, komplexe Bilder
in einer hohen Geschwindigkeit zu verarbeiten – im Gegensatz zum Computer. Für
die optische Wahrnehmung (Reizaufnahme) reichen dem Gehirn wenige Millisekunden
aus, ein Bereich den wir bewusst nicht wahrnehmen. Getestet wurde dies in einer
Versuchsanordnung, in der Probanden Bilder mit ärgerlichen Gesichtern gezeigt
wurden, die eine Aktivierung der für Emotionen zuständigen Gehirnregion (der
Amygdala) bewirkten. Dieser Effekt trat auch dann auf, wenn diese negativen
Gesichter in andere Bilder mit freundlichen Gesichtern eingebaut wurden, jedoch
bewusst nicht wahrnehmbar waren sondern nur für Millisekunden erschienen. Die
Amygdala ist eine Gehirnregion, die für das Auslösen des „Angstkomplexes“
wesentlich verantwortlich ist.
Reize wirken auf unser Gehirn und lösen dort
Reaktionen aus, ohne dass wir manchmal sowohl die Reize als auch die Reaktionen darauf
wahrnehmen.
Diese Erkenntnis erklärt nicht nur das Phänomen
„Prüfungsangst“, sondern erklärt auch Vorgänge oder Verhalten von Mitarbeitern
innerhalb der Arbeitswelt. Dieser Vorgang beeinflusst die Intensität und
Kontinuität, mit der wir zugewiesene Aufgaben erledigen. Für den Bereich
„Kreativität und Innovation“ ist diese Erkenntnis der Schlüssel, um
entsprechend positive Rahmenbedingungen zu schaffen. Sie erklärt aber auch,
warum so mancher Lehrstoff nur sehr mühsam gespeichert wird und die
Abrufbarkeit auf einen kurzen Zeitraum beschränkt bleibt. Wenn wir uns demnach
mit Dingen beschäftigen, mit denen sich unser Gehirn bereits beschäftigt hat
(Interesse) ist die Aufmerksamkeit (Konzentration) ungleich höher. Aber auch
hier gilt, gelangt, während wir uns mit solchen Dingen beschäftigen, ein Reiz
zu unserem Gehirn (optisch, akustisch usw.) den dieses von der Relevanz oder
Dringlichkeit her höher einstuft, wird auch dann die Aufmerksamkeit „abgelenkt“
– wenn auch nur für kurze Zeit. Klar, werden sie denken, es ist das Lustprinzip
das hier angesprochen wird – das ist doch schon bekannt. Aber beherzigen Sie
diese Erkenntnis konsequent bei der Auswahl von Projekt- oder Teammitgliedern,
bei der Delegation von Aufgaben, bei Zielvereinbarungsgesprächen?
Kann man bewusst den einen oder anderen „(Reiz) Kanal“
abschalten, kann man das Bedrohungspotenzial bewusst herabsetzen, die
Aufmerksamkeit beeinflussen?
Unser Interesse und unsere Motivation gehören zu den Faktoren,
die Aufmerksamkeit regulieren. Ein Beispiel hierfür kennt jeder, der einmal ein
Auto kaufen wollte. Hat man ein bestimmtes Modell erst einmal in die engere
Auswahl gezogen, entdeckt man selbiges im Straßenverkehr überproportional
häufiger als davor - wir sind interessiert! Unsere Motivation hingegen ist zusätzlich von äußeren Faktoren
abhängig, kann sich recht schnell ändern und das selbst bei Sachverhalten, die
unser ureigenstes Interesse betreffen, wie im folgenden Beispiel. Wie viele
Menschen stellen im Frühjahr fest, dass tatsächliche Figur und Wunschfigur
stark voneinander differieren. Eine Diät ist die logische Konsequenz, aber wie
konsequent ist die Mehrheit bei der Umsetzung? Es existieren demnach noch weitere
Faktoren die unsere Motivation beeinflussen, eine weitere Prioritätenliste, die ebenfalls unsere Aufmerksamkeit
beeinflusst. Eine solche Prioritätenliste wird zum Beispiel von der Situation
in der wir uns gerade befinden beeinflusst. Vom Zuspruch, positiver oder negativer Rückmeldung, vom Aspekt der Neugierde - handelt es sich um etwas Neues, ist die zu lösende Aufgabe eine Herausforderung für mich. Viele Unternehmen versuchen die
Motivation dauerhaft über Zielvereinbarung in Verbindung mit Incentives zu
steigern, eine Maßnahme die unter diesem Aspekt fragwürdig erscheint.
Die Aufmerksamkeit im Alltag
Im heutigen Arbeitsalltag lässt sich die Aufmerksamkeit
teilweise recht effektiv beeinflussen. So ist es beispielsweise nicht
unerheblich zu welchem Zeitpunkt wir uns mit komplexen Aufgabenstellungen
befassen. Es ist ganz und gar nicht unerheblich mit wie vielen Aufgaben wir
gleichzeitigt konfrontiert werden. Für die Informationsaufnahme und -verarbeitung
ist entscheidend, wie viele Informationen auf das Gehirn auf einmal zuströmen.
Es ist nicht unerheblich, ob ständig irgendwelche kreativen Töne eine neue Mail
melden, der Eingang eines Newsletters vermeldet wird oder eine private SMS mit
einer Fanfare angezeigt wird. Es ist für das Denken hilfreich, wenn nicht
ständig das Telefon klingelt, jemand eine Frage hat oder ein Fernseher nebenbei
läuft. Es ist für ein Meeting hilfreich wenn relevante Informationen vorab an
die Teilnehmer gegangen sind und diese in Ruhe Zeit hatten sich darauf
vorzubereiten. Unser Gehirn ist in der Lage derart komplexe Aufgaben zu lösen,
wie es kein Computer kann und daraufhin
Entscheidungen zu treffen, die mehr Faktoren berücksichtigen als wir spontan in
der Lage sind aufzuzählen. Wie genau diese Vorgänge ablaufen kann auch die
Neurowissenschaft noch nicht beantworten. Was es aber dazu braucht ist ein
bestimmtes Maß an Aufmerksamkeit und damit meinen wir nicht allein
Konzentration!
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